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Ständige Erreichbarkeit als Armutszeugnis

Eine spannende Reise durch die mobile Zeit und das Zeitalter in dem wir alle immer und überall präsent sein können. Wollen Sie jetzt schon das Fazit des Beitrages, damit Sie Zeit sparen? O.K. Das Fazit ist: Bestimmen Sie selbst über sich und surfen Sie auf der Informationsflut.

Sind Sie gepudert?

Auch wenn wir es auf den ersten Blick nicht glauben wollen: Erreichbarkeit hat seine Parallelen in der Geschichte. Nach 1700 wurden fast senkrechte, weiß gepuderte künstliche Haarteile von der Oberschicht getragen und derart mit einer Steuer belegt und es war unteren Schichten sogar verboten gepuderte Perücken zu tragen. Die Haut wurde geweißt – z.B. mit dem giftigen Bleiweiß.

Abstand halten, zu denen, die es nötig haben

Was für eine Überschrift. Wow. Aber sachlich (und historisch) betrachtet handelt es sich bei dem zuvor geschriebenen um den äußeren Ausdruck einer Bevölkerungsschicht, mit dem Sie sich von der arbeitenden Bevölkerung abheben wollten. Ein Bauer, ein Handwerker, der den ganzen Tag dem Tageslicht und der Sonne ausgesetzt war, wurde braun. Seine Haut bekam eine leicht dunkle Färbung, seine Hände waren Zeugnis seines Schaffens – er war eindeutig als Arbeiter gekennzeichnet.

Zeigen, wer man ist

Wir machen einen Zeitsprung. Irgendwann war es dann chic, gebräunt zu sein. Die Botschaft, die man mit seiner Haut zu Markte trug war: „Hey, schaut her, ich muss nicht so viel arbeiten, habe viel Freizeit und kann mich in der Sonne braten“ (diejenigen, die sich über künstliche Sonnen diesem Ideal annäherten, waren schnell erkannt durch ihre karotten-rote Hautfärbung und wurden ihrerseits wieder müde belächelt von denjenigen, die sich selbst das nicht leisten konnten – oder wollten). Erst jetzt fällt mir auf, dass es eine wunderbare Zeit gewesen sein muss – alle lächelten (Anm. d. Autors)

Ein Knochen verändert die Welt

Kennen Sie noch den Knochen von Motorola? In den siebziger Jahren waren Mobiltelefone so groß, dass man sie ohne weiteres fürs Camping zum Einschlagen der Heringe benutzen konnte. Als ich in den 80er Jahren als Auszubildender bei einem Verlag beschäftigt war, kam einer der Vertriebsleiter Dieter M. ganz stolz ins Büro. An der Hand eine riesige Autobatterie und obenauf ein Telefonhörer.

„Hurra, ich bin mobil!“

strahlte Dieter M. damals. Er schwitzt stark, eigentlich ein normaler Aggregatzustand, weil er sehr fettleibig ist. Aber an diesem Morgen eben etwas mehr als sonst. Kurz: die Dinger waren höllisch schwer und hatten damals überhaupt nichts von den heutigen schmalen, leichten Smartphones. Ab da liefen alle, die es sich leisten konnten möglichst öffentlich mit den Dingern herum und wurden von denen neidisch als überheblich bezeichnet, die eben nicht mobil telefonieren konnten, sondern auf eine der 150.000 Telefonzellen in Deutschland zurückgreifen mussten (für die Jüngeren: man stellte sich in ein gelbes Häuschen, warf Münzen in einen Schlitz und konnte dann geschützt vor Wind und Wetter darin telefonieren)

Erreichbarkeit hebt Wichtigkeit

Überlegen Sie einmal: warum sind Menschen möglichst immer erreichbar? Weil es Dinge zu geben scheint, die dringlich sind. Erreichbarkeit hat etwas mit Dringlichkeit zu tun, also mit dem Tatbestand, dass etwas sofort abgeklärt, besprochen und abgestimmt werden müsse. Jetzt verhält es sich so, dass einige meinen, sie oder die Themen würden wichtiger. Das ist nicht so. Ich habe letzte Tage einen Spruch gelesen „Dringlichkeit schlägt Wichtigkeit“. Sind die Dinge, die Sie besprechen wollen also eher dringlich oder (nur ihnen) wichtig?

immer präsent, immer online

Meist zieht eine Seuche die nächste Seuche nach, wenn die erste nicht auskuriert ist. Wir halten in den Händen Technik, mit der in früheren Epochen Menschen Raketen auf den Mond hätten schießen können. Mit einer Rechnerleistung, die Siemens früher in ganzen Hochhäusern versteckt hat. Aber unsere Fähigkeit mit dieser Technik umzugehen hält den Entwicklungsschritten nicht immer stand. Die Verschmelzung von mobilen Kommunikationswerkzeugen und dem Internet hat unsere Präsenz in die nächste Dimension erhoben. Doch was hat dies nun mit Perücken und weiß gebleichter Haut zu tun?

Matthias Horx, der Zukunftsforscher, titelt in einem Beitrag: „Digitales Cocooning – offline als Status“ [Quelle]. Und er untertitelt weiter: „Wer erreichbar ist, hat es nötig: warum der höchste Status in der Always-on-Gesellschaft die Nichterreichbarkeit sein wird.“

Er spricht in seinem Artikel von der Angst etwas zu verpassen, das in den USA bereits einen Begriff geprägt hat (FOMO – fear of missing out). Matthias Horx verweist auf Davin McCandless, der anschaulich das Dilemma zusammengefasst hat. Ganz kurz:

  1. wir verschlingen Informationen – egal, ob gehaltvoll oder leer
  2. Links bestimmen, wohin wir (gedanklich) gehen – wir springen hin und her, ohne Sinn oder Verstand
  3. Emoticons und Satzzeichen, die maschinengewehrartig hinter einem Statement platziert sind, um Reaktion einzufordern
  4. digitale Verstopfung – Postfach voll, Informationen, die immer weitere Informationen versprechen mit „Lesen Sie später wie es weitergeht

[Quelle]

Sie gehören natürlich nicht dazu. Aber die anderen. Und für diese anderen habe ich folgende Anregungen zusammengefasst:

Surfen Sie auf der Informationsflut

Sie müssen die Information beherrschen, nicht umgekehrt. Entwickeln Sie Strategien mit Information zu arbeiten. Als erstes beachten Sie Ihre eigenen Prioritäten, trennen Sie Unwichtiges von Wichtigem. Fokussieren Sie sich.

Seien Sie weg

Schließen Sie die Kanäle, über die Informationen an Sie herankommen. Ständig zu lesen „Sie haben eine Mail“, den facebook-Chat immer online zu lassen, auf Skype den Status „erreichbar“ zu halten, hält Sie nur auf. Und es hält sie von Ihrer eigentlichen Tätigkeit ab. Schalten Sie das Mobiltelefon aus (Sie werden sehen, wie befreiend dieser Knopfdruck für Sie sein kann)

Sendeschluss

Und seien Sie nicht derjenige, der ständig andere Menschen mit Informationen zukippt. Sie müssen morgens um 7:20 Uhr nicht auf facebook posten, dass Ihnen das Frühstück gerade super schmeckt und Sie einen super erfolgreichen Tag erwarten und dass Sie Montage besonders lieben, weil Sie Ihren Job so sehr mögen … interessiert niemanden. Unter dem Strich bleibt die Information: da ist einer, der sein Frühstück nicht genießt, sondern lieber nach Aufmerksamkeit kreischt – lassen Sie es.

Sie müssen auch im socialweb nicht Stunde um Stunde etwas aus Ihrem Leben posten. Sicher, das socialweb lebt von Beziehungen. Rufen Sie Ihre Freunde auch stündlich an und berichten Sie, was Sie in den letzten 60 Minuten so alles erlebt haben? Nein. Schicken Sie täglich, mehrfach Bilder an Freunde und Bekannte, um ihnen zu zeigen, dass es Ihnen gut geht? Nein. Und wenn Sie es doch tun, dann versuchen Sie es einmal mit Sendepause.

Sie sind wichtig. Menschen sollten auf Sie zukommen und Sie sollten selbst bestimmen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Setzen Sie Ihre digitale Perücke ab und schminken Sie sich ab. Das wahre Leben spielt im wahren Leben.

 

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